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Liebe Telefonisten,

früher war das ja ein Beruf: Telefonist. Das musste gelernt werden. Da konnten nur Fachkräfte ran. Heute ist jeder von uns Telefonist. Und das ist ganz schön anstrengend. Findet die eine Hälfte der Menschheit. Die andere telefoniert rund um die Uhr. Auch bei der Arbeit.

Gut, das tue ich auch. Das gehört zu meiner Arbeit, Tag für Tag mit vielen Menschen zu telefonieren. Aber gehört das auch zur Arbeit einer Kassiererin? Immer wieder treffe ich in letzter Zeit an den Kassen von Drogerien und Supermärkten junge Angestellte, die ihrer Arbeit nur noch einhändig nachgehen.


Mit dieser einen Hand ziehen sie meine Einkäufe über den Scanner. Gut, mit zwei Händen ginge der Vorgang deutlich schneller und die Schlange hinter mir würde sicher auch bald kürzer. Aber die zweite Hand brauchen die Kassen-Fachkräfte ja, um ihr Handy zu halten. 


In das flöten sie nicht etwa Bestellungen an die Zentrale, weil der Hegermann mal wieder die letzte Pulle Aftershave gekauft hat, nein, in das Handy krähen sie, dass der Besuch in der Disco am Vorabend ein ziemlicher Reinfall war, weil ja der Kevin ein ziemlicher Blödmann ist. Der wollte ihr noch nicht einmal einen Tequila ausgeben. 17,90 Euro.


Da konnte ich den blöden Kevin natürlich irgendwie verstehen. 17,90 Euro für einen Tequila, das fand ich auch ein wenig happig. Nach einer kurzen Pause brüllte die Kassiererin noch einmal 17,90 Euro in das Handy. Offenbar hatte ihre Freundin am anderen Ende der Leitung es auch nicht fassen können.


Übrigens auch nach der zweiten Preisangabe nicht, denn gleich darauf wurde die noch ein drittes Mal gebrüllt, diesmal noch ungeduldiger. Außerdem guckte die Kassiererin mich an. Ich zuckte mit den Achseln. Kann ich doch nix für, wenn sie während der Arbeit mit minderbemittelten Freundinnen telefoniert.


Jetzt stöhnte sie „Boh, manche Leute kapieren es nicht!“ in ihr Handy. Und da dämmerte es mir langsam. Die Frau meinte nicht mehr ihre Freundin, die meinte mich. Worauf ich in all meiner Freundlichkeit erwidert habe: „Tut mir leid, ich gebe Ihnen auch keinen Tequila aus. Schon gar nicht während der Arbeitszeit. Und erst recht nicht für 17,90 Euro.“


Netterweise rief daraufhin die ältere Dame hinter mir: „Und ich auch nicht!“ Etwas genervt habe ich dann bezahlt, meine Sachen in eine Tüte gepackt und mich Richtung Ausgang bewegt. In dem Moment hörte ich noch: „Willst Du meinen Job haben?“ Als ich mich umdrehte, schaute die ältere Dame etwas verwirrt. Aber offenbar wurde längst wieder das Handy-Telefonat fortgesetzt.


Jetzt überlege ich, ob ich mich demnächst auch mit einem Handy an die Kasse stelle. Das drücke ich dann der Kassiererin in die Hand und sage: „Ich glaube, da ist Ihr Chef dran“!


Auflegen!

Tom Hegermann


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