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Liebe Stubenhocker,

die meisten von uns sind ja inzwischen Weltreisende. Ihr dagegen hockt daheim auf dem Sofa und rührt Euch nicht. Ihr habt ja keine Ahnung, was Euch da entgeht.

Wir zum Beispiel machen nächsten Monat Urlaub in Wales. Nun muss ein solcher Urlaub natürlich ordentlich vorbereitet werden. In meiner Jugend war das noch so, dass man irgendwo im Zillertal ein Zimmer in einer Pension buchte. Von der kannte man allenfalls einen winzigen Prospekt mit ein paar verwackelten Fotos. Und vor Ort erlebten wir dann die große Überraschung: Die Fotos waren gar nicht verwackelt. Das ganze Haus war verwackelt. Aber das Zimmer war gebucht, also mussten wir da durch.


Heutzutage geht das ganz anders. Unser Ferienhaus in Wales kennen wir längst in allen Einzelheiten. Die Fotos sind im Internet. Aber damit ist es ja nicht getan.


Wir werden voraussichtlich an einem Samstag ankommen und zwar etwas später. Kriegen wir da überhaupt noch Lebensmittel gekauft? So ein Ferienhaus ist ja leider ohne Vollverpflegung. Kein Problem. Der nächste Supermarkt liegt 1,6 Meilen südlich von unserem Ferienhaus und hat auch am Samstag bis 23 Uhr geöffnet. Die Wegbeschreibung haben wir schon. Und falls wir doch zu spät sind, fahren wir zu dem Lebensmittelladen 3,7 Meilen weiter nördlich. Der hat sogar rund um die Uhr geöffnet. Steht alles im Internet.


Nun ist es aber so, dass meine Frau derzeit Probleme mit ihren Zähnen hat. Die werden in einem Lebensmittelladen nicht behoben. Also hat sie sich im Internet schon zwei Zahnärzte an unserem Ferienort rausgesucht, komplett mit Anschrift und Telefonnummern. Leider haben die Ärzte noch keine eigenen Internet-Seiten. Also musste meine Frau die Vertrauenswürdigkeit anderweitig prüfen.


Und bei der Gelegenheit ist sie auf Google-Streetview gestoßen. Bei uns wird noch drüber gestritten und dran gebastelt. Für Großbritannien ist es längst fix und fertig. Deswegen konnte meine Frau auch bis vor die Haustür der beiden Zahnärzte fahren und sich schon einmal einen erste Eindruck verschaffen, in welchen Häusern deren Praxen untergebracht sind. Einmal Bruchbude. Einmal nicht. Was wären wir ohne das Internet?


Inzwischen war ich längst auch vor den Computer beordert worden, damit wir uns gemeinsam den kompletten Urlaubsort anschauen konnten. Dabei haben wir auch gleich festgestellt, dass der eine Supermarkt eher mickrig ist. Fahren wir also zu dem anderen.


Der Strand ist toll. Die Gegend prima. Wir kennen inzwischen jedes Haus und jeden Stein. Sogar den Parkplatz vor unserem Ferienhaus habe ich mir schon angeguckt.


Jetzt bleibt eigentlich nur noch eine einzige Frage zu klären: Warum müssen wir überhaupt noch da hinfahren? Wir kennen doch längst alles. Irgendwie hat so ein Stubenhocker-Dasein vielleicht doch was. Und billiger ist es auf jeden Fall.


Schönen Gruß

Tom Hegermann

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