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Liebe Krimi-Leser,

ist Ihnen eigentlich klar, welche Schuld Sie durch das Lesen von Kriminalromanen auf sich laden? Nein, jetzt nicht im juristischen Sinne. Aber im Grunde haben doch auch Sie als Leser von Krimis so etwas wie eine moralische Verantwortung.

Indem Sie nämlich derart viele Krimis lesen, zwingen Sie die Autoren zu immer größerer Kreativität bei der Erfindung der Handlungen und obendrein auch bei der Ausstattung der jeweiligen Ermittler mit halbwegs originellen Biographien.

Hierzulande werden ja, warum auch immer, besonders gerne die skandinavischen Krimis gelesen. Da ist es immer düster. In jeder Hinsicht. Die Sonne will nicht richtig aufgehen. Das Wetter ist grässlich. Und der Kommissar schleppt schon eine Menge Probleme mit sich herum, bevor er überhaupt zur Arbeit erscheint.

In der Regel ist er ausgebrannt, hat einen leichten Hang zur Gewalttätigkeit und ist mit ein bis drei Kindern aus sieben bis neun gescheiterten Ehen oder Beziehungen geschlagen, die allesamt drogensüchtig sind und selber ständig mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Da die Drogensucht des Nachwuchses allerdings inzwischen offenbar Einstellungsvoraussetzung für Krimi-Kommissare ist, mangelt es dieser Grundkonstellation an einer gewissen Originalität. Also muss der Kommissar im Angesichte seines harten Schicksals sicherheitshalber auch noch Alkoholiker sein, einen rechtsradikalen Vater haben und kurz vor der Amputation seines linken Ohrläppchens stehen. Weswegen er noch mehr säuft, die Kinder den Alkoholismus des Vaters nur mit noch mehr Drogen ertragen und die ehemaligen Frauen damit drohen, in den entsprechenden Romanen nicht mehr aufzutreten, weil sie das alles nicht mehr aushalten.

Und, wie gesagt, dass ist ja nur die Grundkonstellation. Jetzt muss ja auch noch etwas passieren. Also ein Kriminalfall. Früher war in Krimis am Anfang einer tot, dann waren viele verdächtig und am Ende wusste der Ermittler, wer der Böse war. Heute sind nicht nur alle böse, heute ist es mit einem Toten ja auch nicht mehr getan. Heute reicht ja nicht einmal mehr Hannibal Lecter aus.

Ich hab inzwischen etliche Krimis erdulden müssen, in denen gleich mehrere Serienkiller ihr Unwesen trieben. In einem Fall waren es sogar Vater und Sohn hintereinander. Also der wesentliche Erziehungserfolg des Vaters bestand darin, dass Sohnemann handwerklich was gelernt hatte.

Ja, ich habe sogar schon Krimis gelesen, in denen am Ende der Kommissar selber ausgezehrt von Alkohol, drogensüchtigen Kindern, renitenten Ehefrauen, schlechtem Wetter und rücksichtsloser Konkurrenz durch andere Krimi-Autoren nicht nur der Kommissar war, sondern obendrein gleich auch noch der Serienkiller. Und das ist nun wirklich mal ein Verbrechen. Nämlich solche Krimis zu schreiben.

Auf der Flucht

Tom Hegermann

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