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Liebe Hausbesitzer,

ich gehöre ja dazu. Ich bin einer von Euch. Oder genauer: Wir sind zwei von Euch. Oder noch genauer: Wir sind drei von Euch. Also meine Frau, ich und die Bank. Gemeinsam gehört uns eine schicke Doppelhaushälfte im Grünen. Und da sich die Bank als Unterkunft mit einem Aktenordner zufrieden gibt, lässt es sich da ganz gut leben.

Wobei wir natürlich schon davon träumen, die Bank in ein paar Jahren vor die Tür setzen zu können und das Häuschen ganz für uns zu haben. Das alles hält allerdings meine Frau nicht davon ab, sich immer wieder gerne nach Alternativunterkünften umzuschauen.

So eine Eigentumswohnung mitten in der Stadt hat natürlich auch was für sich. Man muss nicht immer auf das elende Grün gucken. Die Gartenpflege entfällt. Und das Geldausgeben fällt angesichts der Einkaufsmöglichkeiten auch deutlich leichter. Gut, wir haben zwar keins, weil wir ja das Haus noch abbezahlen müssen. Deswegen können wir uns eigentlich nix leisten, erst recht keine Eigentumswohnung in der Stadt. Es sei denn, wir würden unser Haus verkauft kriegen, das angesichts der Krise natürlich kein Mensch haben will. Es sei denn zum halben Preis.

Macht aber nix. Meine Frau guckt sich trotzdem um. Neulich hat sie in der Nähe ihres Arbeitsplatzes ein schickes Projekt entdeckt, bei dem sehr nette Versicherungsgebäude in sehr nette Eigentumswohnungen umgebaut werden. Nein, hieß es, Prospekte gebe es dazu nicht. Aber zu einer persönlichen Besichtigung seien wir herzlich eingeladen.

Meine Frau musste dann doch allein dahin, weil ich noch für die nächste Rate für unser Haus arbeiten musste. Sie wurde durch zahlreiche Räume geführt. Der Makler lobte die Bausubstanz, pries die Planungen, zwitscherte etwas von der absoluten Ruhiglage und der nahen Oper und kam dann zum alles entscheidenden Punkt: Dem Preis.

Was wir denn so anzulegen gedachten, wollte er wissen. Meine Frau, die ja gar nicht ernsthaft an einen Kauf dachte (hoffe ich jedenfalls), muss einen Augenblick zu lange gezögert haben. Deswegen unterbreitete der Makler selbst einen Vorschlag. Und der ging so: „Ich nehme an, mehr als zwei Millionen wollen Sie nicht investieren?!"

Für den Preis hätten wir problemlos den kompletten Wendehammer kaufen können, an dem wir jetzt wohnen, inklusive sämtlicher Nachbarhäuser. Andererseits empört es mich noch heute, dass der Mann meiner Frau nicht mindestens zweieinhalb Millionen zugetraut hat.

Übrigens für 236 Quadratmeter. Die allerdings wirklich sehr schick, sehr ruhig, sehr zentral und vom Feinsten. Wir haben dann zwei Wochen Lotto gespielt. Anschließend ist die Vernunft wieder eingekehrt.

Schönen Gruß

Tom Hegermann

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