Liebe Schauspieler,

ich weiß, Ihr macht nur das, was Euch die Regisseure sagen. Gut, und gelegentlich macht Ihr auch noch ein bisschen mehr. Robert de Niro zum Beispiel poliert ja angeblich erst einmal im richtigen Leben mindestens drei Leute die Fresse, bevor er das dann anschließend auch vor der Kamera tut. Damit das alles dann auch wirklich echt aussieht.

Bei anderen Schauspielern und auch bei anderen Regisseuren habe ich aber gelegentlich doch gewisse Zweifel, ob die ihren Job wirklich ernst nehmen. Ich nenne das das „Koffer-Problem". Immer wieder nämlich sehe ich im Kino und im Fernseher gestandenen Schauspielern bei der Lösung von Transportproblemen zu.

So muss das ja im Film sein. Schließlich geht es meistens um die ganz grundsätzlichen Fragen: Um Hin und Weg. Um Hier und Da. Um Ankommen und ums Verlassen. Das erfordert natürlich einen gewissen filmischen Reiseaufwand. Der ist meist nur mit einem Koffer zu bewerkstelligen.

Erstmals ist es mir bei Miss Marple aufgefallen. Die heuerte zur Lösung eines Kriminalfalles in einer Familie als Haushälterin an. Und als sie dort einzog, musste sie als erstes selber ihren großen Koffer die Treppe hinauf transportieren. Das aber tat sie mit angewinkeltem Arm. Wer kann das bitte im richtigen Leben? Einen schweren Koffer mit angewinkeltem Arm tragen? Außer vielleicht einem Gewichtheber.

Und wenn einem so etwas erst einmal aufgefallen ist, dann sieht man das ständig. Dutzendfach habe ich inzwischen Koffertransporte in Filmen gesehen, die komplett an der Realität vorbei gehen. Weil offenbar niemand auf die Idee kommt, in die Filmkoffer auch ein paar Filmbacksteine zu tun. Der Regisseur nicht, die Ausstatter nicht und ihr Filmschauspieler schon gar nicht. Immer wieder werden die Dinger wie leere Plastiktüten durchs Bild getragen. Vollkommen unrealistisch. Komplett unglaubwürdig.

Nun hat leider Robert de Niro derart viele Filme gedreht, dass ich die noch nicht alle auf mögliche Koffertransporte kontrollieren konnte. Aber dem würde ich wenigstens zutrauen, dass er selbst einen leeren Koffer wie einen vollen tragen könnte. Oder doch vielleicht besser vorher drei Wochen als Gepäckträger auf einem Hauptbahnhof seiner Wahl trainieren würde. Ach was, der könnte sogar selber einen Koffer spielen. Aber den würde dann bestimmt wieder einer weniger begabter Schauspieler völlig falsch durchs Bild tragen. Weil in Robert de Niro vorher nicht genug Backsteine eingefüllt worden sind.

Immer in die Vollen

Tom Hegermann

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