Liebe Patienten,

ich bin ja skeptisch. Ich finde ja, dass man zum Beispiel Zahnärzten auf den Zahn fühlen sollte, bevor man die an die eigenen Zähne lässt. Wobei ich ganz froh bin, dass seit der erfolgreichen Überkronung von schätzungsweise 56 meiner Zähne anno 1991 in meinem Gebiss eine weitgehend wohlige Ruhe eingekehrt ist.

Was Zahnärzte angeht, so bin ich ein gebranntes Kind. Unvergessen ein Besuch bei einem mir bis dahin unbekannten Spezialisten, in dessen Praxis ein Behandlungsstuhl stand, wie ich ihn seit 20 Jahren in keiner anderen Praxis mehr gesehen hatte. Der Mann entschuldigte sich auch gleich. Nämlich mit den unvergesslichen Worten: „Ich bin mit dem Stuhl leider noch nicht so ganz vertraut. Den habe ich erst letzte Woche von einer Kollegin gekauft, die in Rente gegangen ist." Wobei der Stuhl schwer danach aussah, als sei die Kollegin 1964 in Rente gegangen.

Seitdem hat sich zugegeben eine Menge verändert. Manche Zahnärzte hängen zum Beispiel Suchbilder an die Decke, damit man während der lästigen Bohrerei anderweitig abgelenkt ist. Mir bringt das eher wenig, da ich zehn Dioptrien Kurzsichtigkeit habe und man beim Zahnarzt ja immer die Brille abnehmen muss. Jetzt mal davon abgesehen, dass ich vor lauter Angst sowieso immer die Augen zukneife.

Nun hat kürzlich meine Frau das Vertrauen in unseren langjährigen Zahnarzt verloren. Wie man das verliert? Ganz einfach. Durch Zahnschmerzen nicht nur vor der Behandlung, sondern auch noch danach. Seitdem sucht sie den perfekten neuen Zahnarzt. Gerne auch im Internet.

Und da komme ich gemeinsam mit ihr aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist nämlich so: Nach Jahrhunderten der Zahnheilkunde hat sich endlich auch bis zu den Dentisten selbst rumgesprochen, dass der Patient Angst vor ihnen hat. Dem versucht die Ärzteschaft jetzt mit zahlreichen Beruhigungsmaßnahmen zu begegnen.

So nennt sich neuerdings jeder zweite Zahnarzt offenbar „Spezialist für ganzheitliche Zahnmedizin". Was heißt da bitte ganzheitlich? Dass alle Zähne auf einmal behandelt werden? Dass ich Zahnbelag und Fußpilz gleichzeitig entfernen lassen kann? Oder das die Sprechstundenhilfe während des Bohrens „Ei! Ei! Ei!" sagt?

Gerne wird auch mit Hypnose geworben. Ich kenne Hypnose nur aus Fernsehshows. Da werden Menschen eingeschläfert und vollführen nach dem Aufwachen auf Kommando irgendwelchen Unfug, mit dem sie sich vor den Zuschauern blamieren. Was also, wenn mir der Zahnarzt unter Hypnose beibringt, mir die Zähne selber zu ziehen? Sozusagen als Kostensparmaßnahme im Gesundheitswesen?!

Am besten hat mir allerdings ein „Wohlfühl-Zahnarzt" gefallen. Ja, ich bin sicher, dass man sich als Zahnarzt sehr wohlfühlen kann. Aber als Patient? Ich weiß nicht. Fehlt nur noch, dass es demnächst Wohlfühl-Urologen gibt.

Der Nächste bitte!

Tom Hegermann

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