Liebe Normale,

gibt es Euch eigentlich noch? Leute, die ein ganz normales Leben leben? Die ganz normale Dinge tun? Die ganz normale Sachen kaufen?

Ich fange langsam an, daran zu zweifeln. Früher zum Beispiel, da kam an die Suppe Salz. Und das Salz kam aus dem Supermarkt. Und im Zweifelsfall kam es aus Bad Reichenhall. Dann wurde dem Salz Jod beigesetzt. Für eine schönere Schilddrüse. Dann wurde dem Salz aber auch noch Fluorid beigegeben. Für schönere Zähne. Und inzwischen wird auch noch Folsäure untergemengt. Für schönere Fohlen.

Was ist nur aus meinem guten, alten Salz geworden? Denn mittlerweile reicht es ja vielen Menschen offenbar nicht einmal mehr aus, wenn es Jod und Fluorid und Folsäure gleichzeitig hat. Inzwischen muss es obendrein auch noch Meersalz sein. Oder Kräutersalz. Oder am besten gleich Himalaya-Salz. Das zeichnet sich dann auch durch einen gesalzenen Preis aus.

Nun ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass wir alle unsere Geschmacksnerven ein wenig verfeinern und anspruchsvoller werden. Aber brauche ich wirklich einen Nasenhaar-Schneider mit eingebautem Scheinwerfer? Stickstoff statt Luft in meinen Autoreifen? Fleisch von irgendwelchen japanischen Rindern, die mehrfach täglich linksdrehend gestriegelt werden und Bier trinken und Gedichte vorgetragen bekommen, damit sie sich besonders klasse fühlen und anschließend besonders klasse schmecken?

Neulich war ich in einem Schuhladen. Und nach den Schuhen wollte mir der wackere Verkäufer auch noch Schuhspanner andrehen. Grundsätzlich hatte ich da nix gegen. Nur waren die Schuhspanner teurer als die Schuhe, weil sie eine besonders ausgefeilte Gelenkautomatik hatten und dazu noch aus geräuchertem Kiefernholz oder so ähnlich bestanden. Vielleicht waren sie auch drei Jahre in Pfefferminzöl geschwenkt worden. Ich weiß es nicht mehr so genau.

Ich weiß nur, dass ich langsam die Welt nicht mehr verstehe. Was will ich mit einer Stereoanlage, die mehr kostet als ein Paar Schuhe, ein paar Schuhspanner, das komplette Himalaya-Salz und eine Herde japanischer Rinder zusammen? Und die ihre wahre Pracht in den Bereichen entfaltet, die mein Ohr gar nicht hören kann, die einem aber das Gefühl des gewissen Etwas vermitteln.

Nie werde ich vergessen, wie mir ein Kollege in seinem Wohnzimmer mal seine neue Stereoanlage vorführte. Die Boxen waren größer als ich. Die Kabel armdick. Und als ich auf dem Sofa zwischen den Kabeln und den Boxen nicht ausreichend von der dargebotenen Musik beeindruckt war, sagte der Kollege den zauberhaften Satz: „Ist ja auch klar. Du musst Dich noch fünf Zentimeter weiter nach rechts setzen.“

Gibt es da draußen noch normale Menschen? Bitte melden! Wir machen eine Selbsthilfegruppe auf!

Schönen Gruß

Tom Hegermann

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