Liebe Mitmenschen,

mit uns ist es ja so: Die Menschheit unterteilt sich in zwei Gruppen. Nein, jetzt nicht in Männer und Frauen. Auch nicht in Große und Kleine. Dicke und Dünne. Nette und Doofe. Dicke und Doofe. Sicher, auch diese Unterschiede gibt es. Aber, wenn wir ehrlich sind, sind das doch im Grunde Nebensächlichkeiten.

Die entscheidende Unterteilung ist nach meiner Erfahrung diese hier: Es gibt Menschen mit Taschenmesser und es gibt Menschen ohne Taschenmesser. Neulich saß ich in einer Besprechung. Auf den Tischen Wasserfläschchen. Leider ohne Drehverschluss. Also kam die Frage auf, wer denn wohl einen Flaschenöffner dabei hatte. Von den acht Leuten in der Sitzung hatten vier nichts dabei, einer einen Flaschenöffner und die restlichen drei zückten Taschenmesser.

Jetzt nicht irgendwelche Taschenmesser, sondern durch die Bank die Rundum-Sorglos-Variante mit drei Messern und Schere und Nagelpfeile und Schlagbohrer und Kreissäge und Flaschenöffner. Und plötzlich wurde mir klar, wie unterschiedlich wir Menschen doch sind.

Klammern wir den mit dem Solo-Flaschenöffner mal aus. Das war wahrscheinlich nur jemand, der überdurchschnittlichen Durst hat und in der Sahara mal schlechte Erfahrung gemacht hat. Aber dann bleiben eben die Leute mit Taschenmesser und die ohne Taschenmesser. Die mit werden die ohne bestimmt naiv nennen. Für  nichts gerüstet. Blauäugig gehen sie durch den Tag und dann scheitert ihr Leben an einer popeligen Wasserflasche. Das muss doch nicht sein.

Und deswegen ist der Mensch mit Taschenmesser für alles gewappnet. Wasserflaschen, abgebrochene Nägel, Krümel zwischen den Zähnen. Oder gerne natürlich auch für kleine Notoperationen, wie sie ja bekanntlich im Alltag immer mal wieder anfallen. „Du hast Probleme mit dem Blinddarm? Kein Problem, ich hab ein Taschenmesser dabei!“

Das ist natürlich einerseits imponierend. Aber zeigt das nicht andererseits auch ein gewisses grundsätzliches Misstrauen gegen den Rest der Welt und den Rest der Menschheit? Eine mangelnde Bereitschaft zum mitmenschlichen Kontakt? Und vor allem eine grundsätzliche Überschätzung der eigenen Fähigkeiten? Wie gesagt, die Menschheit unterteilt sich in zwei Gruppen.

Zu welcher ich in der Runde gezählt habe? Ich war die Flasche.

Messerscharf

Tom Hegermann

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