Liebe Ältern,

oder muss es Eltern heißen? Obwohl es doch Voraussetzung ist, älter zu sein, um Eltern werden zu können. Also jedenfalls älter als die, deren Eltern man wird.

Ist ja auch egal. Mit geht es mehr darum, was die Eltern oder Ältern mit den Jüngeren machen. Zunächst einmal natürlich das hier: Ihnen einen Namen verpassen. Darauf sollte man eine gewisse Sorgfalt verwenden. Als ich noch viel zu jung war, um zur Hälfte Eltern zu werden, habe ich mich mit einer Freundin mal heillos bei der eigentlich komplett theoretischen Frage zerstritten, welchen Vornamen die nächste Generation haben müsste. Ich fand damals Jennifer total toll. Was mir heute eher peinlich ist.

Also: Sorgfalt ist gefragt. Es soll kein doofer Name sein. Es soll kein Allerweltsname sein. Es soll keiner sein, den schon fast alle anderen kriegen. Und irgendwie soll er auch etwas ganz Besonderes sein. Wundert es uns da eigentlich noch, dass Deutschland kurz vor dem Aussterben steht?

Nun hat ja jede Generation ihre ganz besonderen Vornamen. Bei mir zum Beispiel konnten die Lehrer in der Grundschule problemlos Ruhe herstellen, indem sie mahnend ganze zwei Namen aussprachen: Thomas und Michael. Und schon waren 13 Jungen still. Nur Erwin quatschte weiter. Das war der einzige Erwin, den ich jemals in meinem Alter kennen gelernt habe. Heißt heute noch irgendjemand Erwin? Außer der, mit dem ich zur Schule gegangen bin?

Neulich stand ich an einer Ampel hinter einem dieser Autos, auf dessen Heckscheibe die Eltern mitteilen, wie der Nachwuchs heißt, der auf dem Rücksitz transportiert wird. Da konnte ich das hier lesen: „Heinz-Dominik an Bord“. Nun bin ich einerseits sicher, dass es bundesweit bestimmt nur einen einzigen Heinz-Dominik gibt. Andererseits handelte es sich bei dem Aufkleber um einen professionell gefertigten Schriftzug.

Wo gibt es den zu kaufen? Für den einzigen Heinz-Dominik im ganzen Land. Oder ist Papi womöglich der Chef einer Firma, die solche Aufkleber herstellt und wollte so demonstrieren, dass es die für wirklich jeden Namen gibt? Oder hat Papi gar kein Kind und heißt selbst Heinz-Dominik und hat nur sich an Bord?

Es kommt ja noch doller. In meiner Generation zum Beispiel gibt es meines Wissens keinen einzigen Timo. Neulich habe ich einen Politikwissenschaftler kennengelernt, der hieß Timo. Und überraschenderweise war der sogar sehr kompetent, obwohl sein Name einen Jungen in kurzen Hosen erwarten ließ.

Das mag aber auch daran liegen, dass ich bei Timo immer an einen Rotzlöffel in unserer Nachbarschaft denken muss, dem demnächst die Einschulung droht. Und manchmal stelle ich mir dann vor, wie ich irgendwann erleben muss, dass es abends in der Tagesschau heißt: „Bundeskanzler Timo Müller wurde heute in Berlin von Bundespräsident Leon Schulze vereidigt.“

Dann weiß ich, dass ich nicht nur älter bin. Dann weiß ich, dass ich alt bin.

Schönen Gruß

Tom Hegermann

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