Liebe Wähler,

das kennen wir alle: Wer die Wahl hat, der hat die Qual. Das ging mir neulich durch den Kopf, als ich ein simples Brot kaufen wollte. Früher gab es ein Graubrot und gelegentlich auch noch ein Paderborner und ab und an sogar ein Weiß- und ein Schwarzbrot. Damit hatte es sich dann aber.

Heutzutage dagegen können wir nicht nur zwischen 217 Sorten wählen. Nein, als ich endlich gewählt hatte, konterte die Bäckereifachverkäuferin eiskalt mit der Frage: „Einfach oder doppelt gebacken?“ Da sich herausstellte, dass doppelt gebacken den gleichen Preis kostete, habe ich mich dafür entschieden.


Das stellte die nette Dame aber nicht wirklich zufrieden. Jedenfalls machte sie keine ernsthaften Anstalten, mir ein Brot über die Theke zu schieben. Vielmehr wollte sie jetzt wissen: „Groß oder klein?“ Groß und doppelt gebacken erschien mir allerdings zuviel des Guten. Also entschied ich mich für ein kleines Brot.


Die Frau guckte jetzt schon fast hinterhältig. Denn natürlich hatte sie noch eine weitere Frage in Reserve: „Geschnitten oder am Stück?“ Allerdings hatte sie erkennbar nicht damit gerechnet, dass ich mit einer Gegenfrage zurückschlagen würde: „Rot oder Grün?“ Tatsächlich hätte sie sich beinah zum Brotregal umgedreht, um zu kontrollieren, ob der Bäcker hinter ihrem Rücken irgendwelche Neuerungen vorgenommen hatte, von denen sie nichts gehört hatte, während sie mich mit all ihren Fragen malträtierte.


Ach, waren das noch Zeiten, als im Laden die Bitte: „Ein Paderborner“ eiskalt mit „Kommt erst in drei Wochen wieder rein“ beantwortet wurde. 


Früher gab es Halbschuhe und Winterschuhe. Und die waren Schwarz. Ganz selten auch mal Braun. Heute schafft es mancher Schuh ganz allein locker auf sieben verschiedene Farben und drei unterschiedliche Absätze. Und das sind jetzt noch nicht einmal die Schuhe für Frauen.


Früher war Käse Käse und das war noch nicht einmal Käse, denn das war ja Käse. Wir kannten keinen anderen. Wir wollten keinen anderen. Außer in Gouda wurde kein Käse produziert. Nur der Franzose kam ab und an mit einem Karren voller Camembert vorbei. Aber den kaufte Mutti nicht. Camembert galt als gefährlich. Wegen der Bakterien. Oder galt der Franzose als gefährlich? Ich weiß es nicht mehr.


Und ist das wirklich ein Fortschritt, dass jetzt aufgeschlossene Bildungsbürger eine halbe Stunde lang vor mir die Käsetheke blockieren, auf der Suche nach einem würzigen, aber nicht zu herzhaften, natürlich französischen, aber schon besser südfranzösischen Weichkäse mit nicht mehr als sieben Prozent Schimmelanteil im äußeren Drittel? Und dann davon testweise kosten wollen? Und sich wundern, wenn sie nur einen ganz kleinen Happen kriegen, weil von genau diesem Käse die 10-Gramm-Portion 97 Euro kostet?


Nein, ist es nicht. Schon gar nicht, wenn unsereins vorher schon beim Bäcker fast verhungert ist. Also gibt es mal wieder trocken Brot. Das aber am Stück und doppelt gebacken und überhaupt.


Ihr 

Tom Hegermann

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