Liebe Staatsbürger,

wir, die Staatsbürger haben Rechte und wir haben Pflichten und das ist gut so. Deswegen will ich mit einem Geständnis beginnen. Über Monate hinweg habe ich leichtfertig gegen eine zentrale Pflicht eines Bürgers verstoßen. Ich habe nämlich nicht mehr existiert. Jedenfalls nicht offiziell.

Dann habe ich mit vier Monaten Verspätung festgestellt, dass mein Personalausweis und auch mein Reisepass längst abgelaufen waren. Nein, das habe ich zum Glück nicht einen Tag vor einem seit langem geplanten Urlaub auf den Fidschi-Inseln bemerkt. Das habe ich bemerkt, weil mir rein zufällig mein Reisepass beim Aufräumen einer Schreibtischschublade in die Finger geraten ist und ich spontan dachte: „Mal gucken, wie lange der noch gültig ist!“ 

 

Tja, hätte ich besser mal früher geguckt. Jetzt stand ich blöd da. Wer möchte schon gerne nicht mehr existieren? Ich machte mich also hurtig an die Organisation meiner Wiedergeburt. Mir war klar, dass ich dazu neue Passfotos brauchen würde, die allen aktuellen gesetzlichen Anforderungen in Sachen Biometrie genügen mussten.

 

Nun kennen wir das ja ein Leben lang: Man stiefelt in einen Fotoladen, wird dort abgelichtet und verlässt ihn anschließend mit ein paar Fotos, die keinerlei Ähnlichkeit mit uns selber haben. Aber genau die kommen dann auf den Ausweis.

 

Doch inzwischen leben wir ja im digitalen Zeitalter. Auf der Festplatte meines Computers sind jede Menge Fotos von mir. Ich musste nur noch das allerschönste aussuchen, es auf die Einhaltung der biometrischen Vorschriften prüfen und es Online an einen Fotoladen schicken, der mir daraus ein paar sehr schicke Passfotos gebastelt hat.

 

Mit denen bin ich dann zum Amt. Das Amt guckte sich die Fotos an. Dann guckte es mich an. Dann sagte das Amt: „Ist das da auf dem Foto etwa Rauputz im Hintergrund?“ Es stellte sich dann raus, dass Rauputz auf Passfotohintergründen strengstens untersagt ist. 

 

Bevor ich also dann doch wie seit Jahrzehnten zu einem dieser Fotoläden gelatscht bin, hat mir das Amt noch einen Rat gegeben: „Und nehmen Sie die Brille ab.“ Nun ist es so, dass ich seit meiner Einschulung vor 45 Jahren eine Brille trage. Ganztägig. Also praktisch immer. Mich gibt es ohne Brille nicht. 

 

Das Amt aber meinte: „Theoretisch sind Brillen auf Passfotos ja auch erlaubt. Allerdings nur ohne Spiegelung. Uns ist noch kein Brillenfoto ohne Spiegelung untergekommen. Sollten Sie besser wissen.“

 

Eine Stunde später war ich mit den neuen, jetzt gesetzestreuen Passfotos wieder da. Auf denen trage ich meinen sicher nicht auf Dauer angelegten Bartversuch aus dem letzten Urlaub und keine Brille. Das Foto hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit mir. Ich sehe aus wie der alternde Billy Joel. 

 

Für die unter Ihnen, die den jetzt gerade nicht vor Augen haben: Schon der junge Billy Joel sah nicht so aus, wie ich gerne aussehen würde. Jetzt warte ich auf meine erste Festnahme, weil ich zwar erstklassige Papiere habe, aber leider ein falscher Name im Ausweis steht.

 

Dieser hier:

 

Tom Hegermann