Liebe Modeschöpfer,

keine Frage, dass ist eine ganz, ganz harte Tätigkeit, der Ihr da nachgeht. Immer wieder etwas neu zu erfinden, was doch schon längst erfunden worden ist. Und dann aber so zu tun, als sei genau diese Bluse oder dieses Hemd der Durchbruch in die Modezukunft, weil die Knöpfe ja um zwei Millimeter versetzt sind, also eine gänzlich andere Wirkung haben als bei der Ersterfindung 1872.

Mal haben die Sakkos zwei Knöpfe. Ein paar Jahre später wieder drei. Manchmal auch nur einen. War alles schon da. Kommt alles irgendwann wieder. Müssten wir nur alles lange genug aufbewahren, dann würde eine ganze Branche pleite gehen, weil sie uns nix mehr verkaufen könnte.

Andererseits: Ab und an wird dann doch noch etwas Neues erfunden. Jedenfalls nach meinem Eindruck. Gut, rein äußerlich ist da nach ein paar tausend Jahren Mode nicht mehr ernsthaft was zu machen. Immer noch mal ein wenig in der Farbpalette rühren. Immer noch mal ordentlich die Muster gemischt. Immer noch mal bescheuerte Sprüche auf die Klamotten gedruckt.

Und weil das mit den Äußerlichkeiten offenbar nahezu ausgereizt ist, scheint Ihr Modeschöpfer Euch jetzt zunehmend auf die inneren Werte zu verlegen. Das fällt mir derzeit häufiger auf.

Ich bin zum Beispiel Neubesitzer einer Jacke, auf deren Innenseite im Nacken diese Beschriftung hier angebracht ist: „5920’07.77’’N“. Spontan habe ich im Laden gedacht: „Holla, jetzt übertreiben sie bei den Preisen aber doch ein wenig!“ Aber da in der Zeile darunter auch noch „1804’21.56’’E“ stand, bin ich dann irgendwann darauf gekommen, dass es sich offensichtlich um eine Koordinatenangabe handelt. Wahrscheinlich verbirgt sich dahinter der Ort, an dem sich der Modeschöpfer versteckt hält, nachdem er diesen Quatsch erfunden hat.

Damit nicht genug. Links unten und wohlgemerkt also dort, wo es wirklich niemand außer mir sieht, steht in meiner Jacke auch noch das hier: „Island of Sandham. The Riviera of the North. East Coast Sailing.“ Und so weiter. Falls ich mal kein Buch dabei habe, kann ich immer noch meine Jacke lesen.

Auf der Innenseite einer Bluse meiner Frau habe ich diesen Roman hier gefunden: „Pleasure isn’t transitory. The mark it leaves is permanent.“ Der erste Satz heißt meines Wissens auf Deutsch: „Lust ist kein Transistorradio.“ Über den Satz habe ich dann drei Wochen nachgegrübelt. Da er danach für mich immer noch keinen Sinn ergab, habe ich dann doch mal das Wörterbuch hervorgekramt.

Tatsächlich erzählt die Bluse meiner Frau diese Geschichte hier: „Lust ist nicht vergänglich. Der Eindruck, den sie hinterlässt, ist dauerhaft.“ Darüber denke ich mittlerweile seit weiteren drei Wochen nach. Was soll das jetzt heißen? Stimmt das? Und vor allem: Was hat dauerhafte Lust eigentlich in der Bluse meiner Frau zu suchen?

Jedenfalls gucke ich inzwischen dauernd nach, was auf der Innenseite von Kleidungsstücken so alles steht. Neulich hab ich etwas ganz Dolles gefunden. Das hier: „97% Baumwolle – 3% Elastan“. Die Welt der Mode ist ein einziges Rätsel.

Schönen Gruß


Tom Hegermann 

Mehr über...
Glosse,