Lieber Karl Marx,

auf die alten Tage habe ich Dich jetzt endlich mal besucht. Hat mir sehr gut gefallen. Ich war in Trier in Deinem Geburtshaus. Das liegt ja sehr schön zwischen einem Supermarkt zur Rechten, einer Spielhalle ein paar Häuser weiter links und der Sparkasse schräg gegenüber. Fand ich sehr passend.

In dem Haus selbst ist ein Museum. In dem wird einem noch einmal der Kapitalismus und der Sozialismus und der dialektische Materialismus erklärt. Außerdem habe ich dort erfahren, dass Du, als Du per Erbschaft endlich mal zu etwas Geld gekommen bist, Dir ruckzuck eine komplette Hausdienerschaft zugelegt hast. Gut, ich nehme jetzt mal an, die hatte die 35-Stunden-Woche mit Urlaubsgeld, Freizeitausgleich und Karl-Marx-Sonderzulage. Falls nämlich nicht, müsste ich doch etwas ins Grübeln kommen.

Gut gefallen hat mir auch der Souvenier-Shop in dem Museum, das in Deinem Geburtshaus untergebracht ist. Da kann man zum Beispiel eine Luxusausgabe des Kapitals für weit über 100 Euro kaufen. Das finde ich schön, wie heutzutage mit der Analyse der kapitalistischen Unterdrückungsmechanismen ordentliche Kapital-Erträge erzielt werden.

Um das zu verkraften habe ich mir dann erst einmal eine Flasche Karl-Marx-Wein gekauft. Das ist natürlich ein Spätburgunder, weil der so schön tiefrot ist. Außerdem gab es: Eine Baseball-Mütze mit Deinem Konterfei und noch einmal das Kapital, diesmal aber als Sparbüchse.

Nachdem ich den Rotwein getrunken hatte, bin ich dann aus dem Geburtshaus-Museum gewankt und habe schräg gegenüber einen weiteren Souvenierladen entdeckt. Der war auf chinesische Kundschaft spezialisiert. Denn eigentlich wird Dein Haus vor allem von der besucht. Das passt ja auch, weil die Chinesen Kapitalismus und Kommunismus so formschön unter eine Karl-Marx-Baseballmütze bringen.

Dort jedenfalls gab es Karl-Marx-Büsten. Und dann gab es da noch Schweizer Taschenmesser, erstklassige Edelstahl-Kochtöpfe und schwarz-rot-goldenen Urlaubs-Nippes. All das wurde übrigens deutlich häufiger gekauft als Deine Büste. Wohlgemerkt von eingefleischten chinesischen Kader-Kommunisten, zu deren großen Lebens- und Urlaubszielen es ganz offensichtlich gehört, einmal in Deinem Geburtshaus zu stehen und anschließend einen Kochtopf zu kaufen und vielleicht auch noch ein Deutschland-Fähnchen. Wer soll diese Suppe bloß auslöffeln?

Rot Front

Tom Hegermann

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