Liebe Sprachforscher,

Sie geben sich ja große Mühe, unsere Sprache zu erforschen und auch, wie die sich so entwickelt. Das ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Und Jahr für Jahr küren Sie ja obendrein ein „Wort des Jahres“ und ein „Unwort des Jahres“. Mein Wort oder Unwort des Jahres ist schon seit vielen Jahren das hier: „Sale“.

Es gibt inzwischen kaum noch einen Laden, in dem mir nicht dieses Wort entgegen gekräht wird. Es hängt über Hosen, es hängt über Jacken, es steht neben Töpfen. Neulich stand es irgendwo auf Englisch, auf Französisch und auf Spanisch. Nur auf Deutsch stand es da nicht. 


Und es kommt noch schlimmer: In den vergangenen Wochen tauchte das Wort erstmals auch in der Radio-Werbung auf. Da erklärte mir eine Kaufhaus-Kette, bei ihr sei jetzt „Sale“. Ich hab erst „Sail“ verstanden und gedacht, dass man bei denen neuerdings auch Segel kaufen kann oder womöglich gar ganze Segelboote. War aber ein Irrtum.


Was also wollen die mir mit dem Wort bitteschön eigentlich sagen? „Sale“ heißt doch nix weiter als „Verkauf“. Ich bin bis jetzt davon ausgegangen, dass es darum bei Läden doch ohnehin geht, also darum, mir etwas zu verkaufen. So blöd bin ich nun wirklich nicht, dass man mir das extra sagen muss.


„Fashion Sale“ habe ich neulich gesehen, für Boots, Pants und Skirts. Wohlgemerkt in einem deutschen Laden. In einem deutschen Laden obendrein, in dem ich noch nie einen Engländer oder Amerikaner gesehen habe.


Geht es wirklich darum, dem einen Ami, der sich pro Jahr womöglich in Hüppenrath-Schnöckelheim in einen Klamottenladen verirrt, auf diese Weise ein „Herzliches Willkommen“ zu präsentieren? Das kann nicht sein. Ich war gerade dort. Ich hab mir eine Verkäuferin gesucht und gesagt: „Hi there. I’m really interested in your boot-sale. Could you show me some cool stuff?”


No, she konnte nicht. She did nicht speak Englisch. Nur the Schild konnte it. Nun frag ich mich, ob es irgendeine mir unbekannte internationale Vereinbarung gibt, in der sich Werber und Verkäufer verpflichtet haben, ihre Ware immer in der Sprache anzupreisen, die kein Kunde ernsthaft spricht. Und warum gibt es die? Vielleicht, damit man mit Sonderangeboten werben, aber gleichzeitig sicherstellen kann, dass die partout keiner kauft, weil damit ja nicht so viel Geld zu verdienen ist wie mit herkömmlicher Ware? 


Aber ich hab in London oder New York noch nie irgendwo ein Schild mit der Aufschrift „Supersonderangebot“ gesehen. Da steht immer nur „Sale“. Da gehört das auch hin. Aber nicht nach Hüppenrath-Schnöckelheim. 


Und therefore, liebe Sprachforscher, I really beg you: Tun Sie what. Undernehmen Sie was. Und zwar really fast. Andernfalls I garantier für nothing!


Ihr 

Tom Hegermann

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