Liebe Bayern,

wenn ich Euch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch nur halbwegs richtig verstanden habe, dann seid Ihr neben vielen anderen Dingen ja vor allem darauf stolz, Bayern zu sein. Also anders als wir restlichen Menschen.

Der Bayer ist eben a Bayer. Und der ist zünftig und der ist eigen und der ist erfolgreich und naturverbunden. Und er ist ka Saupreiss. Und vor allem schluckt der Bayer a Bier weg, ja Herrschaftszeiten, das macht dem Bayer so leicht keiner nach. 


Beim diesjährigen Münchener Oktoberfest zum Beispiel hat der berühmte Bayer Costa Cordalis in einem Interview erzählt, dass er in seiner Jugend ja problemlos 24 Maß Bier geschafft habe. Nach einer Kunstpause hat er noch hinzugesetzt: „Also jetzt nicht in der Stunde. Aber am Tag.“ Ja, so ist er, der Costa-Bayer. A ganz zünftiger Bua. Mit 24 Maß Bier da, wo andere Menschen ein Gehirn haben. 


Und natürlich trug der Herr Cordalis bei dem Interview im Fernsehen ein rot-weiß-kariertes Hemd und so eine merkwürdige Hose, die ich schon als Kind unter Heulen und Zetern in den Müll befördert habe, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, von meinen Eltern in dem hässlichen Teil auf die Straße und unter Menschen gezwungen zu werden. Wenn ich mich richtig erinnere, hießen diese grauenhaften Teile Lederhosen und endeten knapp unterhalb der Knie. 


Die Lederhosen waren übrigens all die Jahre der Grund, warum ich die zünftigen und erfolgreichen Bayern dann doch immer für ein wenig unterbelichtet gehalten habe. Aber gut, der Bayer bleibt ja meist in Bayern. Deswegen hat er mich in seiner bescheuerten Hose eher selten belästigt. Und Dirndl hab ich mir auch allenfalls in aufrüttelnden Fernsehdokumentationen über Sitten und Gebräuche seltener Volksstämme angeschaut. Kurz: Der Bayer und ich sind uns nicht wirklich in die Quere gekommen. 


Auch deswegen, weil zwischen meinem Wohnort und dem Münchener Oktoberfest 603 Kilometer lagen. Leider aber ist das Oktoberfest inzwischen ansteckend und breitet sich seit einigen Jahren seuchenartig über das ganze Land aus. Und damit meine ich jetzt nicht nur das Land Bayern. Nein, bundesweit. Inzwischen ist es schunkelnd bis auf zwei Kilometer an meinen Wohnort herangerückt. Und ja, die Leute gehen in Lederhose und Dirndl dahin. Es ist zum auswandern.


Aber nicht einmal eine Auswanderung würde mich vor dem Oktoberfest in Sicherheit bringen. Vor vielen Jahren bin ich mal im Oktober durch Kanada gereist. Zeitgleich war dort Heino auf einer Oktoberfest-Tournee. Und für die wurde natürlich richtig Werbung gemacht. Von Stadt zu Stadt wurde ich von Heino verfolgt. Und in den Zeitungen gab es große Anzeigen mit seinem Gesicht. 


Eigentlich sollte in denen das hier stehen: „Heino – der große deutsche Sänger“. Das jedenfalls muss in der Anzeigenvorlage aus Deutschland drin gewesen sein. Nun kennt aber das Englische den schönen deutschen Buchstaben „ß“ nicht. Und deswegen war er in Kanada durch den optisch nächstliegenden anderen Buchstaben ersetzt worden, nämlich ein „b“. Also „Heino – der grobe deutsche Sänger“.


Da hatte sogar ich ein wenig Spaß am Oktoberfest.


Oans, zwoa...

Tom Hegermann

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