Liebe Aktivisten,

ich bin ja eher Pazifist. Ich meine – Passivist. Also jedenfalls kein Aktivist. Mein liebstes Hobby ist Lesen. Da traut sich unsereins ja kaum, es als Hobby zu bezeichnen. Lesen tut schließlich jeder. Mehr oder weniger. Bloß weil man es mehr tut, soll das schon ein Hobby sein?

Gut, gelegentlich kriege ich in meiner Freizeit auch den Hintern hoch. Dann wanke ich in den Garten und gucke, ob meine Frau irgendein Unkraut übersehen hat. Das attackiere ich dann mit allem Nachdruck. Und dann gehe ich mit meiner Frau noch in den Tanzkurs. Aber das ist jetzt mehr ein Hobby meiner Frau. Ich stell mich da nur irgendwie dazu.


Kurz, ich bin ein Langeweiler. Was machen andere Leute in ihrer Freizeit? Die joggen, die düsen mit dem Rad durch die Gegend, die machen Kampfsport und die machen Krampfsport. Und was sind die? Auch allesamt Langeweiler.


So einfach kriegt man die Mitmenschen heutzutage nicht mehr beeindruckt. Vor mir liegt eine Illustrierte, die die Firma kostenlos verteilt, mit deren Gesöff im Tank Sebastian Vettel Weltmeister im Kreisverkehr-Fahren geworden ist. 


Auf dem Titelbild droht der noch sehr junge Muhammad Ali, also quasi noch Cassius Clay, mich umzuhauen. Und damit ist quasi der Grundton vorgegeben. Schon nach wenigen Seiten wird mir erklärt, dass Laufen prima ist und Rudern auch. Aber richtig in Mode sei jetzt das Cross-Country-Rudern. Nein, das ist jetzt nicht Trockenrudern. Ein Foto zeigt mir, dass es dabei unter anderem darum geht, im Team das Ruderboot zu schultern und damit über grüne Wiesen zu traben. Wahnsinnig beeindruckend.


Schon auf der nächsten Seite ist die sechsfache Kiteboard-Weltmeisterin abgebildet. Keine Ahnung was das ist. Wenn ich das Foto richtig deute, geht es darum, sich mit einem Surfbrett und einem Gleitschirm vor herannahenden Schiffen zu Unterhaltungszwecken in Lebensgefahr zu begeben.


Noch eine Seite später folgt die Trend-Sportart Radfliegen. Da sie nicht näher erklärt wird, gehe ich davon aus, dass die Aufgabe darin besteht, sich mit dem Rad fliegend zwischen die Kiteboard-Weltmeisterin und das herannahende Schiff zu werfen, dabei den Ruderboot-Schleppern zu winken und mir beim Unkrautjäten die Zunge rauszustrecken. 


Den Rest spar ich mir jetzt, also den Superstar der Dirtjump- und Freeride Szene, den Weltmeister im Nasebohren, die beste Frau im Action-Hobby-Erfinden und den Träger des rosa Gürtels im Nichtstun. Obwohl – den vielleicht nicht. Schließlich bin ich das selbst.


Neulich hab ich übrigens einen Mann kennen gelernt, der erzählte, wie er verzweifelt versucht hat, seinem Sohn für diese harte Welt ausreichend Selbstbewusstsein beizubringen, Kampfsport inklusive. Der Sohn aber wollte partout in einen Briefmarken-Club. Und jetzt kommt die Pointe: Seitdem der Junge gelernt hat, zu diesem Hobby zu stehen, hat er auch richtig Selbstbewusstsein.


Ihr 

Tom Hegermann

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