Liebe Übersetzer,

ich höre immer wieder Geschichten, wie schlecht Eure Arbeit bezahlt wird. Deswegen, so heißt es, sind viele Bücher inzwischen so unglaublich schlecht übersetzt. Ihr arbeitet im Akkord. Da kann ja nix beim rumkommen.

Andererseits seid Ihr manchen potentiellen Auftraggebern aber offenbar immer noch zu teuer. Und wieder und wieder kann man das bei Gebrauchsanweisungen feststellen. Ich weiß, das ist eine alte Geschichte. Aber immer wieder gibt es sie in neuen Varianten.

Meine Frau und ich zum Beispiel haben neulich tiefgekühlte indische Fladenbrote gekauft, die man angeblich ruckzuck zubereiten konnte. Allerdings erst, nachdem wir uns von der Lektüre der „Kochanweisungen" erholt hatten.

Das fing ja schon mit dem Wort „Kochanweisungen" an. Will man ein Fladenbrot ernsthaft kochen? Und dann stand da: „Entfernen Sie das Paket von der Gefriermaschine." Gut, bis dahin sind wir noch irgendwie mitgekommen. Aber dann wurde es schwierig.

„Keine Notwendigkeit, das Brot für dieses zu entfrosten kann den Teig klebrig bilden." Die Notwendigkeit den Teig klebrig bilden? Die Entfrostung die Bildung kleben? Das Brot die Notwendigkeit entfrosten? Gut, wir haben dann schon entschlüsselt, dass wird das Brot nicht auftauen sollten. Aber was dann?

„Ziehen Sie einer Seite der Plastikschicht ab und setzen Sie die gelegte Seite auf eine vorgewärmte Wanne." Das war jetzt wirklich ein Problem. Wir haben durchaus eine recht umfangreiche Küchenausstattung. Wozu etwas selber machen, wenn es mit einer Maschine doppelt so kompliziert und in dreifacher Zeit geht?

Aber eine Wanne, die haben wir nun ganz bestimmt nicht in unserer Küche. Meine Frau war schon auf dem Weg ins Badezimmer, um heißes Wasser einzulassen. Ich hab den nächsten Satz der „Kochanweisung" die Treppe rauf gebrüllt: „Entfernen Sie das zweite Stück der Plastikschicht und Wanne-braten Sie die Minuten mit ein bis eineinhalb."

Zu blöd. Eine Bratwanne haben wir nicht. In der Küche nicht. Im Badezimmer auch nicht. Wir sind altmodisch. Wir haben nur eine Bratpfanne. Aber selbst in der ist es eher schwer, eine Minute zu braten. Geschweige denn eineinhalb. Und was sollten wir in der Zeit mit dem Brot machen? Gut, das war relativ verständlich erklärt: „Betätigen Sie das Brot und wenden Sie es um."

Da ich es eh immer noch in der Hand hatte, habe ich es eben gedreht, während meine Frau bei den Nachbarn fragte, ob die vielleicht eine Bratwanne haben. Denn auf einer Wanne bestand die „Kochanweisung" im nächsten Schritt erneut: „Wanne braten." Erst Minuten braten und dann Bratwannen braten. Ich hätte am liebsten jemandem eine übergebraten.

Das Finale ging so: „Das köstliche Brot ist jetzt bereit, mit Ihrem Lieblingsteller gedient zu werden."

Guten Appetit

Tom Hegermann

Mehr über...
Glossen,