Liebe Schluckspechte,

das wäre was für Euch gewesen. Ich war gerade bei einer Weinprobe. Nichts von diesen überkandidelten Sachen. Aber dafür mit Massenandrang. 150 Leute waren gekommen, um die katholische Bücherei bei uns im Ort zu retten. Der drohte die Schließung. Und deswegen gab es jetzt eine Benefiz-Weinprobe zum Erhalt der Bücherei. Also quasi eine Aktion unter dem Motto: „Saufen für die Literatur“. Da wollte ich mich auch nicht lumpen lassen.

Gegen einen Eintritt von 12 Euro gab es zehn Weine zur Verkostung. Dazu einen Winzer und eine Mosel-Weinkönigin inklusive blonder Haare und Krönchen und ein paar Bücherei-Mitarbeiter, die an dem Abend die Kellner machten. Offenbar hatten es die Benefiz-Kellner selber nicht so mit dem Wein. Jedenfalls schenkten sie ihn in Biermengen aus. Was dazu führte, dass sich die Stimmung schon nach dem zweiten Glas deutlich lockerte.

Auch deswegen, weil es nicht für jeden Wein ein neues Glas gab. Zwar standen auf jedem Tisch große Sektkübel, in die man die Reste gießen konnte. Aber als meine Frau und ich das tatsächlich machten, wurden wir von den Benefiz-Trinkern empört angeguckt, weil die offenbar zum Finale in den Kübeln noch eine Überraschung erwarteten und nicht etwa unsere Reste.

Jedenfalls wurden nach jeder Runde in großen Schlucken hektisch große Gläser geleert. Schon nach dem vierten Wein kamen die ersten nur noch mit fremder Hilfe von ihren Stühlen hoch. Unterdessen redeten der Winzer und die Weinkönigin munter auf die Festversammlung ein. Aber außer dem Wort „Mosel" war in dem nun immer stärker einsetzenden Krakeelen nicht mehr viel zu verstehen. Auch der Blick unseres örtlichen Pfarrers wurde zunehmend glasiger. Zumal alle mit ihm auf die Zukunft der Bücherei anstoßen wollten, er also pro Runde sein Glas auch noch mehrfach gefüllt bekam.

Nach Wein Nummer Sieben, einem Eitelsbacher Marienholz Riesling feinherb, brach an unserem Tisch ein lautstarker Streit über die Frage aus, ob es sich tatsächlich schon um Nummer Sieben oder doch erst um Nummer Sechs handelte und also möglicherweise Teile der Schluckspechte neben uns um eine komplette Runde geprellt worden waren. Von der Bühne waren unterdessen weiter nur die Worte „Osel" und „Ücherei" zu hören.

Wir haben übrigens nach diesem Durchgang kapituliert. Ich habe auf dem ausliegenden Weinzettel schnell noch „ganz schwacher Abgang" notiert. Was sich natürlich nur auf den Eitelsbacher Marienholz bezog. Ansonsten sind wir erhobenen Hauptes nach Hause gewankt. Schließlich hatten wir der Literatur einen Dienst erwiesen. Marcel Reich-Ich-Will-den-Preis-nicht wäre stolz auf uns gewesen.

Hicks

Tom Hegermann

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