Liebe Mediävisten,

es ist ja wirklich schwer was los in Euerm Mittelalter. Gerade habe ich in einer Buchhandlung das neue große Meisterwerk des Autoren-Duos Imy Lorentz entdeckt: „Die Tochter der Wanderhure“. Das folgt ja bekanntlich auf den mit sieben Nobelpreisen ausgezeichneten Roman „Die Wanderhure“ und dessen Nachfolger „Das Vermächtnis der Wanderhure“.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächsten Folgen mit den Titeln „Die Cousine der Schwester von dem Schwager der Tochter der Nachbarin der Wanderhure", „Die Wanderhure wird sesshaft" und natürlich auch „Die Radfahr-Nutte". Wobei man an dem letzten Titel wahrscheinlich noch ein wenig arbeiten muss, weil sonst der potentielle Leser denkt, es handele sich dabei um neue Enthüllungen in Sachen Tour de France.

Dabei geht es doch eigentlich um die Tour de Mittelalter. Inzwischen biegen sich in den Buchhandlungen die Bretter in den Regalen mit historischen Romanen. Die spielen vorzugsweise im Mittelalter. Gleich neben der Wanderhure findet sich da die Hebamme mit „Die Entscheidung der Hebamme", „Die Spur der Hebamme" und „Das Geheimnis der Hebamme". Ich weiß jetzt nicht so genau, ob die Hebamme in Wirklichkeit die Wanderhure ist, die in fortgeschrittenem Alter umgeschult hat.

Ich frage mich ja immer, woher die Autoren das alles wissen. Also über die damalige Zeit. Gut, dass 1312 der Fernseher eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, das ist hinlänglich bekannt. Und überhaupt ist das meiste ja frei erfunden. Aber ab wann etwa haben die Leute ihre Jacken geknöpft und nicht mehr mit Schleifen gebunden? Und wer hatte Jacken und wer nicht? Und wann ist überhaupt die Jacke erfunden worden? Und ab wann hieß die Jacke und nicht mehr Wams?

Da gucken wir jetzt besser schnell bei Wikipedia nach und stellen fest, dass das Wams ursprünglich die Unterjacke der französischen Ritter unter der Rüstung war und erst im 13. und 14. Jahrhundert auch Einzug in die zivile Kleidung erhielt. Damit ist mein erster historischer Roman quasi schon zur Hälfte fertig: „Das Wams der Wanderhure."

Aber warum haben die Menschen nur diese Leidenschaft für das Mittelalter entwickelt. Obwohl es noch keinen Fernseher gab und keine Waschmaschine und kein Pferd mit mehr als ein PS? Wahrscheinlich liegt das daran, dass auch die Gegenwart irgendwie sehr überschätzt wird.

Der mittelalte

Tom Hegermann

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