Liebe Mathe-Lehrer,

neulich habe ich in einem Kiosk eingekauft. Eine Zeitschrift und ein paar Schokoriegel. Die Zeitschrift kostete 3,80 Euro. Inklusive Schokoriegel, das sagte die Kasse, sollte ich 7,20 Euro bezahlen. Ja, gut, ich gebe es zu, es waren etliche Schokoriegel. Und genau in dem Moment, in dem die Kasse schon aufstand, habe ich auch noch Kaugummis für 1,15 Euro dazu gepackt.

In den Augen des Verkäufers sah ich plötzlich nackte Panik. 7,20 Euro plus 1,15 Euro. Und obendrein hatte ich schon zehn Euro über die Theke gereicht. Und die Kasse stand offen. In die ließ sich jetzt nichts mehr eintippen. Die konnte das Rechnen nicht über-nehmen. Die Atmung des Verkäufers beschleunigte sich. Ich meinte auf seiner Stirn auch leichte Schweißbildung feststellen zu können. 


Aber dann fand er doch die Lösung: „Wir machen das Nacheinander!“ Also bekam ich erst einmal 2,80 Euro zurück, die Kasse wurde geschlossen und dann ging es an die mathematisch wertvolle Abrechnung der Kaugummis.


Ich schildere das hier nicht, um einen armen Kiosk-Verkäufer der Lächerlichkeit preiszugeben. Und keine Sorge, ich schildere das hier auch nicht, um Euch Mathe-Lehrer der Lächerlichkeit preiszugeben. Ich schildere das nur, um mich kritisch mit Euerm Fachgebiet zu beschäftigen.


Denn tatsächlich ist es so, dass ich selber die Kaugummi-Rechenaufgabe relativ stressfrei noch im Kopf gelöst bekommen habe. Aber wehe es wären drei Kaugummis gewesen und ich hätte noch die Mehrwertsteuer dazu addieren sollen, dann wäre ich auch selbst schwer ins Schleudern geraten.


Dabei habe ich in meiner Schulzeit alles in allem 15 Jahre lang Rechen- und Mathe-Unterricht genossen. Und ja, das sind zwei Jahre mehr als üblich. Und woran hat das wohl gelegen? Genau, am Fach Mathematik. Jedenfalls unter anderem.


Außer den Grundrechenarten habe ich eigentlich nur noch die Sache mit der X-Achse und der Y-Achse behalten. Auf der X-Achse wurde angezeigt, wie lange ich schon Mathe-Unterricht hatte. Und auf der Y-Achse, wie sehr mir das gestunken hat.


Alles, liebe Mathe-Lehrer, was ich in meinem Leben jemals an Ma-thematik gebraucht habe, das habe ich auf der Grundschule gelernt. Ja, ich weiß, die Prozentrechnung kam erst später. Aber dafür habe ich einen Taschenrechner. Und Drei-Satz-Rechnung geht bei mir so: Erster Satz Einleitung. Zweiter Satz Vertiefung. Dritter Satz Pointe. Damit verdiene ich mein Geld. Und die Bank rechnet für mich zusammen, wie viel ich im Monat verdiene.


Ich brauche keine Integralrechnung. Keine Differentialrechnung Keine Infinitesimalrechnung. Keine Vektoren. Ich brauche nicht einmal Bruchrechnung. Ich find die höchstens zum Brechen.


Und ja, ich weiß, wenn alle so wären wie ich, dann wären wir über die Steinzeit nicht ernsthaft hinaus gekommen. Aber wenn alle so wären wir Ihr – wer würde dann die Zeitung vollschreiben? Und jetzt Ihr wieder: „Und wer würde die Zeitung drucken, wenn keiner ausgerechnet hätte, wie die Druckmaschine funktioniert?“ Ja, mit diesem Einwand habe ich – äh – gerechnet.


Schönen Gruß

Tom Hegermann

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