Liebe Künstler,

laut Karl Valentin kommt Kunst ja von Können und nicht von Wollen. Sonst hieß es ja Wulst. Wobei ich bei Euch Künstlern immer wieder den Eindruck habe, dass Eure wahre Kunst darin besteht, Eure Wulst in Kunst umzudeuten. Und dazu macht Ihr sehr viele Worte.

Vor mir liegt die Einladung zu einer Ausstellungseröffnung in unserem örtlichen Museum. Die Ausstellung heißt „Pas de Deux – Wie sich die Bilder gleichen." Der Text der Einladung wurde offensichtlich in einem Volkshochschulkurs für wulstige Künstler erarbeitet.

Der erste Satz lautet: „Erst durch die 2 kommt Leben ins Leben, nicht nur durchs Erkennen des Ichs im Anderen oder des Anderen im Ich." Jetz stelle wer uns ma janz dumm. Sozusagen: Nimm Zwei. Wer sind bitte die Zwei, durch die Leben ins Leben kommt? Adam und Eva? Cindy und Bert? Dick und Doof? Wenn es wenigstens noch hieß: „Erst durch Zwei kommt Leben ins Leben." Darüber könnten wir noch reden. Aber die Einladungstextklöppler meinen ja offenbar zwei ganz bestimmte Lebenseinhaucher.

Gut, dass ich mich im anderen erkennen kann, das habe ich im Grundkurs Philosophie auf dem Gumminasium schon gehört. Aber was soll das heißen, dass der Andere sich im Ich erkennen kann? In mir, das würde ich noch verstehen. Aber im Ich? Meint der Mich? Und müsste es dann nicht Mich heißen?

Jetzt ist es aber so, dass mir einerseits gesagt wird, dass durch das erkennen des Ichs im Anderen und irgendwie auch umgekehrt Leben in mein Leben kommt. Aber dann steht da auch noch „nicht nur". Ja wie denn dann noch? Durch den gemeinsamen Verzehr einer Curry-Wurst? Oder in dem man Hand in Hand an solchen Texten verzweifelt?

Die Einladung geht dann noch so weiter: „Der Widerspruch oder die nuancierte Abweichung, in der Sache, im Raum, in der Zeit lässt die Welt der Erscheinungen differenzierter Werden. Das Ähnliche, das Gleiche, das nicht das Selbe ist, lässt deutlicher schauen und erkennen."

Liebe Einlader: In dieser Zeit, in diesem Raum, in dieser Sache erlaube ich mir den Widerspruch und die nuancierte Abweichung, damit die Welt der Erscheinungen noch ein wenig differenzierter wird. Ich bin nicht gleich, ich bin nicht ähnlich. Ich bin nur ich selbst und erkenne deutlich: Wulst!

Schönen Gruß

Tom Hegermann

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