Liebe Genies,

ich hatte neulich eine geniale Idee. Die war völlig neu. Die war geradezu revolutionär. Die könnte die Welt verändern. Und obendrein würde sie mich steinreich machen. Das mit dem Konjunktiv hat seinen Grund: Ich hatte die geniale Idee nämlich im Schlaf.

Und als ich endlich wach geworden bin, da wusste ich zwar immer noch, dass ich im Schlaf eine geniale Idee gehabt hatte. Nur leider konnte ich mich an die Idee selber nicht mehr erinnern. Und so sehr ich mir auch das Hirn zermartere: Seit diesem Morgen bin ich leider wieder nur ein Durchschnittsdoofer.

Und seitdem frage ich mich, ob das eigentlich der entscheidende Unterschied zwischen mir und einem richtigen Genie ist. Seid ihr tatsächlich einfach ausgeschlafener? Andererseits, auch bei Euch Genies gibt es ja deutliche Unterschiede. Nicht zuletzt den zwischen dem Dauergenie und dem Kurzzeitgenie. Mozart zum Beispiel hat ja wahrscheinlich noch unter der Dusche genial musiziert. Beziehungsweise, hätte er, wenn er schon eine Dusche gehabt hätte. Der nicht ganz so bekannte Komponist Max Bruch dagegen hat zwar das wahrscheinlich wunderbarste Violinkonzert aller Zeiten geschaffen, darüber hinaus ist aber allenfalls sein Vollbart in Erinnerung geblieben. Zu einem zweiten Meisterwerk hat es nicht gereicht. Allenfalls wie bei mir im Schlaf.

Und auch Mozart ist zwar wohl ein Dauergenie gewesen, aber eben nur als Musiker. Nicht dagegen als Physiker. Dass andererseits Albert Einstein durchaus Violine spielen konnte, wissen wir nur, weil er als Physiker besser war als Mozart. Und weil er eben die Relativitätstheorie komponiert hat. Ich dagegen kann mich nicht einmal daran erinnern, ob ich im Schlaf besser komponieren konnte als Mozart oder aber die Relativitätstheorie von Einstein ein wenig verbessert habe.

Es ist ja noch komplizierter. Die Relativitätstheorie kann sich durchaus irgendwann noch als falsch herausstellen. Die Zauberflöte dagegen eher nicht. War also Mozart eben doch genialer als Einstein? Und bin am Ende dann vielleicht sogar doch ich das größte Genie von allen, weil mein Geniestreich schon deswegen niemals widerlegt werden kann, weil ich mich selber ja nicht mehr daran erinnere?

Und noch etwas: Neulich wurde ich in der S-Bahn Zeuge, wie sich Jugendliche gegenseitig ihre Handy-Klingeltöne vorspielten. Ein Handy hat bei Anruf gefurzt. Worauf eines der Kinder sagte: „Genial." Worauf ich gedacht habe: „Na dann gute Nacht!"

Ratlos

Tom Hegermann

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