Liebe Erleuchtete,

neulich war es ganz finster, aber dann kamt Ihr und das ging so: Meine Frau und ich aßen im Restaurant gerade einen Salat, als am Nachbartisch ein sehr gelockter Herr und drei ausgesprochen aufgekratzte Damen Platz nahmen. Der Herr hatte so eine Art Schneebesen dabei, dem allerdings die untere Hälfte abgeschnitten worden war. Damit massierte er wechselweise seinen eigenen und auch die Köpfe der begleitenden Damenschaft.

Im Gegenzug erklärte eine der Damen, dass schon drei Tropfen heiliges Lourdes-Wasser einen Liter Leitungswasser in einen heiligen Liter heiliges Lourdes-Wasser verwandeln könnten. Und überhaupt fühle sie sich derzeit sehr geerdet. Dann sprang sie auf und klaute mir ein Salatblatt.

Nähere Recherchen ergaben, dass in der nahe gelegenen Stadthalle gerade die Naturheiltage stattfanden. Wir sind dann auch gleich dahin geeilt. Was soll ich sagen? Es war wunderbar. Gleich an zwei Ständen wurden Becken- und Beinbegradigungen durchgeführt. An dem einen mit roher Gewalt, an dem anderen dadurch, dass eine sehr konzentrierte Frau ihre offenbar ganz besonderen Hände unter lautem Gemurmel mehrere Minuten über dem Genitalbereich eines offenbar noch nicht ausreichend begradigten Mannes kreisen ließ.

Die Konzentration der Frau litt übrigens mehrfach sichtlich, weil am Nachbarstand besonders gesunder Käse verkauft wurde, der leider auch besonders intensiv roch. Wir sind dann auch gleich weiter zur Veranstaltung „Heilen mit Engeln – Wohlfühlen mit Energie-Glaspyramiden." Ich hätte so gerne bei den Teilnehmern eine Hirnbegradigung durchgeführt, aber leider hatte ich mich als Referent nicht rechtzeitig genug angemeldet.

Es war nämlich rappelvoll: „Befreiendes energetisches Malen", „Das Heilwissen der Feuerschamanen", „Kristalle für Klarheit und Struktur", „Neue Wege in der Massage mit Klangschalen" oder auch „Wie beeinflusst die Mondphase die Haare?" Ich war ganz aufgewühlt und wollte schon mit einer Klangschale nach dem Mond werfen. Aber da grätschte ein Feuerschamane dazwischen. Es war zum Haare raufen. Der Feuerschamane sah übrigens schwer danach aus, als würde er im Alltag sein Leben doch eher als Versicherungsvertreter-Schamane verbringen.

Toll fand ich auch die vielen Wahrsagerinnen. An einem Stand wurde sogar Wahrsagerei mit Hilfe von Kartoffelsalat angeboten. Dachte ich jedenfalls zunächst. Aber dann wurde mir klar, dass die Wahrsagerin nur einfach Hunger hatte, ich dagegen inzwischen jeden Unfug für möglich hielt.

Es werde Licht!

Tom Hegermann

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