Liebe Brüder Grimm,

hier mal ein neues Märchen für Eure Sammlung: Es waren einmal zwei Jungmanager beim Frühstück in einem Hotel. Die trugen sehr schicke Anzüge und hatten vortrefflich gegelte Haare.

Es waren dies zwei besonders eifrige Jungmanager. Denn zum Frühstück aßen sie je einen Laptop und ein Handy. Das heißt, eigentlich aßen sie vor allem ihre Handys. Auf den Laptop waren sie offenbar eher böse. Denn beide hauten rücksichtslos auf die armen Geräte ein.

Auf den Bildschirmen hatten sich beeindruckende Statistiken versammelt. In langen Kolonnen waren die Zahlen angetreten, um sich verprügeln zu lassen. Gnadenlos wurden sie verändert und hin- und hergeschoben. Die Zahlen waren so verängstigt, dass sie sich nicht zu wehren trauten und stumm und still ihr hartes Schicksal ertrugen.

Aus Solidarität mit den armen Zahlen wurde der Kaffee kalt, den die beiden geschniegelten Herren neben ihre Laptops gestellt hatten. Und überhaupt klingelte ja auch ständig das Handy. Am anderen Ende der Leitung war offenbar die böse Hexe. Vor der hatten die Jungmanager anscheinend großen Respekt. Denn sie wagten nur Sätze wie diese zu sagen: „Aber sicher, das wird sofort erledigt! Herr Mumpitz hat die Zahlen gerade aufgerufen und prüft sie noch einmal!"

Herr Mumpitz aber fuhr sich mit den Händen voller Verzweiflung durch die doch ein wenig arg gegelten Haare. Vor lauter Arbeit merkte er das aber nicht und haute gleich anschließend wieder auf die Tasten seiner Gerätschaft ein. Erst da zeigte sich, dass ihm die Haare die Hände und die Hände jetzt die Tasten verschmiert hatten. Also griff er zu einer Serviette, die ganz am Rand vor lauter Akten vom Frühstückstisch zu fallen drohte.

Mit der nun wischte er über die Tasten. Das aber führte dazu, dass jetzt die Zahlen rebellierten und sich auf dem Bildschirm spontan in neuen Formationen zusammen rotteten. Also musste Herr Mumpitz zum Handy greifen und seine Sekretärin anrufen und sich die Zahlen noch einmal neu durchgeben lassen. Unterdessen tickten die dicken Armbanduhren der beiden Jungmanager in großer Gnadenlosigkeit immer weiter.

Deswegen wurden sie jetzt noch aufgeregter und noch ratloser und noch verzweifelter. Wie ja überhaupt das moderne Geschäftsleben eines voller Aufgeregtheit und Ratlosigkeit und Verzweiflung zu sein scheint. Und wenn sie nicht verhungert von den Stühlen gefallen sind, dann telefonieren sie noch heute.

Voller Mitleid

Tom Hegermann

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