Liebe Ärzte,

kurz vor Weihnachten habe ich einen Termin beim Orthopäden. Ich weiß natürlich noch nicht, ob es mir gelingt, mir bis dahin auch eine entsprechende Krankheit zuzulegen. Aber zumindest habe ich schon einmal den Termin.

Es ist nämlich so: Mein Orthopäde ist einer von den Ärzten, die sich vor Kundschaft offenbar nicht retten können. Wenn ich da zum Beispiel mit einem potentiellen Armbruch anrufe, dann kriege ich von der Sprechstundenhilfe völlig problemlos einen Termin in etwa dreieinhalb Monaten zugeteilt. Ein Armbruch? Das ist doch kein Beinbruch.

Eine Kollegin hat neulich erlebt, dass sie auf einen Besuch beim Augenarzt acht Monate warten sollte. Es sei denn natürlich, sie sei ein Notfall. Ich bin ja inzwischen meistens auch ein Notfall. Schon bei den kleinsten Wehwehchen drohe ich mit baldigem Ableben, falls Herr oder Frau Doktor nicht umgehend Zeit für mich hat. Das wirkt allerdings auch nur bedingt. Auf den Trick sind inzwischen auch andere gekommen. Weswegen durchschnittliche Wartezimmer immer mehr einer Notaufnahme gleichen. Die Leute haben zwar so gut wie nix, das aber mit allem Nachdruck.

Das heißt, mit Euern sensationellen Wartelisten habt Ihr im Grunde ganz und gar nichts erreicht. Da kein Mensch freiwillig über Monate auf einen Arzttermin wartet, verschaffen wir uns halt anderweitig Zutritt. Oder aber man macht es so wie ich: Ich lasse mir Termine auf Verdacht geben. Wie etwa jetzt beim Orthopäden. Am 19. Dezember um 10 Uhr 45 hoffe ich auf eine Spontanerkrankung. Sollte die sich nicht rechtzeitig einstellen, kann ich die Verabredung ja immer noch zehn Minuten vorher absagen. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass Ihr Ärzte zwar auf Monate hinaus ausgebucht seid, am Ende aber womöglich trotzdem keiner bei Euch erscheint, weil eben die dazugehörigen Krankheiten zum Glück für uns und zum Pech für Euch ausgeblieben sind. Es sei denn natürlich, es kommen die Notfälle.

Neulich habe ich in einer Fernsehserie einen Arzt gesehen, der ging persönlich ins Wartezimmer und sagte: „Alle, die wirklich krank sind, jetzt bitte mal aufzeigen. Der Rest geht sofort nach Hause!" Ja, das war Fernsehen. Aber manchmal wünsche ich mir das auch in der Wirklichkeit. Der Arzt kommt ins Wartezimmer. Und wir Patienten sagen: „Alle, die einen Terminkalender beherrschen, jetzt bitte mal aufzeigen. Der Rest wechselt sofort den Beruf!"

Gesundheit

Tom Hegermann

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